Stettfurtsche Geschichten

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Am frühen Samstagmorgen, es ist der 15. Februar 2003, um ganz genau zu sein, treffe ich mich mit Annick und Philipp auf dem Bahnhof in Glarus.
Es ist regnerisch, grau und kühl.
Wir fahren zusammen nach Stettfurt, um das Haus zu besichtigen, von dem Agi immer wieder erzählt und von dem auch Beate und Andreas sonnige Erinnerungen haben - Erinnerungen an eine Zeit, wie in einer Oase, in der eine andere Wirklichkeit erfahren werden konnte.

Wird dieses Haus auch zu unserer Wirklichkeit werden?
Wir sind eher skeptisch, ich vor allem.

Einmal war ich schon in Stettfurt, früher. Vor vielen Jahren hat mich eine Freundin dorthin zu Agi gebracht, zu einem Gespräch. Eine wichtige Hilfe in einer sehr schwierigen Lebenssituation.

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Damals war es auch dunkel, sehr dunkel in mir und in der winterlichen, dicken Nebelstimmung, die alles bedeckte und umwölkte.
Damals war das Gespräch ein Lichtblick, ein Anker der mir Halt bot - nicht nur durch ein Erkanntwerden in meiner Situation, sondern auch durch eine ganz konkrete Hilfestellung, die ich nicht einmal bezahlen konnte.
Ich erhielt auch das Angebot, für eine Weile dort zu wohnen, bis ich meine Krise überwunden hätte. Ein Teil von mir sehnte sich mit Inbrunst danach und wusste, genau das könnte heilsam sein und mich beim Aufbau eines neuen Fundamentes unterstützen - dieser Ort, diese Möglichkeit in einer Gemeinschaft zu leben wäre dazu notwendig - doch ein anderer Teil wusste, dass es (noch) nicht geht, dass ich zu meiner Familie zurückkehren muss, auch wenn es beschwerlicher sein wird.

Ist jetzt, 15 Jahre später der Zeitpunkt dazu gekommen?

Ich kann es mir nicht vorstellen.
Die Sehnsucht nach einer anderen, einer intensiveren Lebensform besteht noch immer, ist klarer und drängender geworden.
Im Grunde bin ich bereit für einen neuen Schritt - sprungbereit - alles sammelt sich, zieht sich zusammen für eine grosse neue Herausforderung. Ich warte nur auf den zündenden Funken - doch soll das Stettfurt sein - dieser schwer zugängliche Ort, am äussersten Rande meiner (bekannten) Welt?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

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Wir sprechen über Verschiedenes.
Auf der langen Fahrt haben wir endlich einmal Zeit, uns von einer anderen Seite kennenzulernen. Erstaunlich, was da alles zu Tage kommt an Erfahrungen, Fähigkeiten und Beweggründen, wenn sich drei Menschen aus ganz verschiedenen Richtungen für eine gemeinsame Wegstrecke zusammenfinden. Was für ein reicher Schatz an gelebter Wirklichkeit.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, taucht die Frage nach dem Namen auf. Ich weiss nicht mehr, wer sie gestellt hat, doch sie wird zu einer Frage, die uns alle gemeinsam beschäftigt.

"Was bedeutet eigentlich 'Stettfurt' ?"

Auf der Suche nach einer Antwort tragen wir alle einen Teil bei.
Aha, 'Stettfurt' hat mit Stätte zu tun.
Eine Furt ist eine seichte Stelle im Fluss, wo die Strömung nicht alles mit sich fortreisst. Eine Stelle, wo sich eine Möglichkeit bietet, auf die andere Seite zu gelangen.
So könnte also 'Stettfurt' eine Stelle, ein Ort sein, wo ein Übergang möglich ist - , wo ein Transfer stattfinden könnte?
Eigentlich ein guter Name, ein guter Ort zum leben.

Aber...., so ungünstig gelegen.

Und dann, als wir das Haus sehen und erkunden - so alt und verbraucht, verwahrlost und trotz der verwirrenden Grösse eng und schwer, nicht ausbaufähig zu dem grossen, lichten Haus der Gemeinschaft, zu dem es mich hinzieht, an dem eine Schule oder ein Zentrum entstehen könnte - so wie es mir vorschwebt.

Nein, Stettfurt ist ganz sicher nicht der Ort meiner Vision - auf keinen Fall!

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Nach dem Besichtigungsrundgang tauschen wir uns in der Runde aus. Jede und Jeder schildert seinen Eindruck und nimmt Stellung zum Projekt.
Mein Standpunkt ist klar - Stettfurt ist nicht der Ort dafür, wir brauchen dafür etwas Grösseres, etwas Offeneres, einen Ort, an dem eine weitere Entwicklung möglich ist.

Doch dann, im Verlauf der verschiedenen Beiträge, öffnet sich mein Blick und ich erkenne, zu Tränen gerührt, die ganz langsam und kaum sichtbar aus der Tiefe hervorquellen, wie aus einem Brunnen aufsteigen. - Ja, das ist mein Platz, hier ist meine nächste Wohnstätte.
Stettfurt ist der Anfang, die konkrete Situation, die sehnsuchtsvoll auf eine Lösung - eine Erlösung - wartet. Der Ort, wo wir mit der gemeinsamen Arbeit beginnen können. Der Ort, der uns auf den nächsten Schritt vorbereiten wird - auf das grössere Haus, die noch grössere Aufgabe.

Stettfurt ist der Ort des Überganges, wo der konkrete Aufbau beginnt, auf den wir schon seit langer Zeit vorbereitet worden sind.

Am Abend ist meine Entscheidung klar: ich werde meine Arbeitsstelle kündigen und in drei Monaten in die Zweizimmerwohnung oberhalb der alten Schmiede einziehen.

Ich freue mich darauf - voller Dankbarkeit und tief berührt über die unerwartete Wendung, die die Erfüllung meiner Träume und Sehnsüchte plötzlich in greifbare Nähe rückt.

Und - es sind nicht nur meine Träume und Visionen und Wünsche, sondern auch diejenigen von Agi, von Beate und Andreas und von ...
Viele verschiedene Fäden, die zu einem tragfähigen Gewebe zusammenwachsen können.

Um ein Gefäss für den Übergang vor zu bereiten und zu erschaffen.

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Nachdem ich diese Geschichte weitererzählt habe, erhielt ich einen wichtigen Hinweis, den ich zur Vervollständigung beifügen möchte.

"Das Bild 'Stätte der Furt' kann auf verschiedene Weisen verstanden werden, zum Beispiel auch in der Zeit. Es ist die Zeit, über den Fluss zu gehen. Das ist auch eine Furte. Die richtige Stelle in der Zeit ist dafür gekommen. Die Entscheidung ist dann richtig. Man setzt hinüber, weil ein Teil in uns bereits dazu fähig ist. Ein anderer Teil hat die Vergangenheit noch nicht abgeschlossen, aber wenn man sich g a n z entschieden hat, nimmt man auch das ' Unfertige' mit."

Heute, mehr als ein Jahr später, kann ich das vollkommen bestätigen.

Heute lebe ich in Stettfurt, in der Mitte der Furt, und ich bin dabei, Teilchen um Teilchen von den Fähigkeiten, die ich in der Vergangenheit erworben habe, zusammen mit all den Schwächen und dem Unfertigen durch die Zeit zu tragen. Ich versuche es anzuschauen und einen Platz dafür im Gefüge des Neuen zu suchen, wo es irgendwie seinen Sinn findet. Einen Platz, wo es eingebunden werden kann und zu einer tragfähigen Brücke für das Nachfolgende wird.

Seit meiner Kindheit trage ich den Wunsch in mir, einmal ein Buch zu schreiben. Ich wollte Geschichten erzählen, die einen Weg und innere Vorgänge beschreiben, damit andere Menschen, vor allem solche in Übergangsphasen, besser verstanden werden können. - Damit sich der Blick für Zusammenhänge und für neue Perspektiven öffnen und weiten kann.

Nun besteht plötzlich durch den Anschluss an das grosse Netz, das weltweite Netz, die Möglichkeit, mit meinen Geschichten, die zur besseren Verankerung des Erfahrenen dienten, eine grössere Gruppe von Menschen zu erreichen.
Etwas scheut sich in mir, so herauszutreten und so vielen Unbekannten Einblick in meine Erfahrungen zu schenken.

Jetzt aber, wo ich meine Geschichte aus dem Heft, in die ich sie eingetragen hatte, auf den Computer übertrage und am Ende den Beitrag lese, den ein Freund dazu abgegeben hat, finde ich die Ermutigung dazu.
Die Erinnerung daran, weckt das Verständnis, dass nur das, was wir weitergeben weiterwachsen kann. Nur auf diese Weise kann das, was uns auf den Weg mitgegeben wurde, vervollständigt, ergänzt und vertieft werden.

Susanne, 2. Okt 2004

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In der ersten Nacht nach meinem Einzug campierte ich im grossen Raum neben meiner zukünftigen Wohnung, da sie für einige Zeit noch nicht bezugsbereit war. Die vorangehenden Wochen hatten mich mit all ihrem Ab- und Umbruch aufgewühlt. Mit der grosszügigen Hilfe meiner Familie und meiner Freunde hatte ich die 2.5 Tonnen(!) Material, die zu meinem Hausstand gehören, schon viermal hin und her geschoben, getragen, zusammengestellt und eingepackt. Ein weiteres Mal stand mir noch bevor. Meine Sachen waren vorerst einmal an verschiedenen Orten im Haus abgestellt, zwischengelagert, bis sie dann nach der Fertigstellung meiner Wohnung, durch eine erneute Rochade, für die nächste Zeit - wie lange wohl? - einen neuen Standort finden würden. - Wie kann man nur soviel Ballast mit sich herumschleppen? Hätte es die Waage der Standseilbahn von Braunwald nicht schwarz auf weiss bewiesen, hätte ich es niemals für möglich gehalten, dass ich meine Reise nach Stettfurt so schwer beladen antrete.

Nach dem warmherzigen Empfang und dem emsigen Ausladen kehrte bei mir nun allmählich Ruhe ein. Ein Geschenk von Josephine wartete auf mich, ein kleines Buch als Willkommensgruss, die Geschichte vom träumenden Delphin. Erwartungsvoll schlug ich es auf und was ich las, berührte mich zutiefst:

"Wer bist du?" fragte er.
"Ich bin die Stimme des Meeres."
" Die Stimme des Meeres?"
"Ja, Daniel. Du hast etwas erreicht, das andere Delphine sich nicht einmal vorstellen können. Und jetzt werden sich die harte Arbeit und das lange, einsame Üben in der Brandung, bei dem du immer deinen Traum vor Augen hattest, endlich auszahlen."
Und dann hörte Daniel Delphin jene Worte, die sein Leben ein für allemal verändern sollten:
" Du hast viel gelernt, Daniel, und jetzt wird dein Leben in eine neue Phase treten, in der du die Antwort auf deine Träume finden wirst."
Die Stimme war klar und kräftig. Daniels anfängliche Angst war verschwunden, und er hörte die Worte nicht nur, sondern verstand sie auch.
"Ich habe schon seit einiger Zeit versucht, mit dir in Kontakt zu treten und dir in schwachen Momenten zur Seite zu stehen. Hab' keine Angst mehr. Solange du deinen Träumen nachgehst, werde ich immer dasein um dir zu helfen. Vertraue deinem Instinkt, achte auf die Zeichen, die dir auf deinem selbstgewählten Weg begegnen werden, und du wirst dir deinen Traum erfüllen."(Sergio Bambaren

Am nächsten Morgen, auf dem Weg ins Lädeli zu meinem provisorischen Kleiderschrank, weckte mich ein wunderbarer Duft aus meinen Gedanken auf. Staunend schaute ich um mich und entdeckte, dass der Rosenbusch vor meinem Eingang in der letzten Nacht erblüht war. Voller Freude entdeckte ich die erste dunkelrote, vollerblühte Rose. Ihr Willkommensgeschenk erfüllte mich mit Dankbarkeit. Wie gross war mein Erstaunen, als ich beim genaueren Hinsehen nach und nach mehr offene Blüten erkennen konnte.

In der ersten Nacht nach meinem Einzug in die ehemalige Kupferschmiede, haben sich die ersten fünf wohlduftenden Rosen des Jahres geöffnet. Kann es ein schöneres, verheissungsvolleres Zeichen für einen Neubeginn geben?

Susanne, 2. Nov 2004

Rose


Die Rose

Manche sagen, eine Sturmflut, die alles mit sich führt.
Manche sagen, wie ein Messer, das Leib und Seel zerstückt.
Manche sagen, wie ein Donner, der alles überdröhnt.
Ich sag euch, wie eine Blume, die unser Leben schönt.

Herzen, die zerbrechen fürchten, sie kennen nicht die Glut.
Träumer, die erwachen fürchten, sie haben keinen Mut.
Wer sich niemals nehmen lässt, wird keinem etwas geben.
Seelen, die zu sterben fürchten, sie werden niemals leben.

Wenn die Nächte einsam waren, der Weg zu steil, zu lang.
Wenn du meintest, dass die Liebe dem Glückspilz nur gelang.
Dann bedenke, dass im Winter der Schnee bedeckt im Schoss,
was im Kuss der Sommersonne erblüht zur schönsten Ros.

Amanda McBroom
gesungen von Joan Baez

ars sacra