2nd Sunday

Advent


Der Sündenfall des Menschen war, dass er „werden wollte wie Gott“.
Die Erlösung ist, Gott am Menschsein Teil nehmen zu lassen.

Wir leiden darunter, dass wir unvollkommen sind. Wir haben die Vorstellung, dass unser Wissen und Können Gott-gleich sein sollte. Wir vergleichen uns dauernd mit Gott, und damit legen wir einen Massstab an, dem wir niemals genügen können. Wir streben etwas an, was die Richtung zeigen sollte. Wir stellen an uns die Forderung, den Horizont an den Platz zu holen, wo wir stehen. Das ist unmöglich. Es gilt, die Spannung zu ertragen, die dadurch entsteht, dass wir hier, als Menschen, in die Unvollkommenheit hineingestellt sind und uns gleichzeitig das Ideal der Vollkommenheit eingeimpft ist. Wir ertragen unsere Unvollkommenheit nicht. Wir ertragen es nicht, dass wir keine Liebe, wie die Heiligen, in die Welt bringen können. Wir ertragen es nicht, dass wir nicht die Stärke der Märtyrer in uns haben. Wir können es nicht ertragen, dass wir durch Unachtsamkeit auf den Hühneraugen der anderen herumtrampeln und die geliebten Menschen um uns herum, mit unseren Reaktionen immer wieder verletzen.

Wir möchten der Welt die Erlösung bringen. Frieden bewirken und in Harmonie leben. Aber es ist Unruhe in uns, es sind Wünsche und Bedürfnisse in uns eingeimpft, die wir nicht leiden können und die wir auch nicht vernichten können. Sie sind in unseren Genen, uns durch unvollkommene Menschen mitgegeben, die unsere Eltern sind. Wir können sie nicht wie einen Mantel ausziehen, sie sind in unserem Blut und in unseren Knochen.

Wir sehnen uns danach, dass das Gute, das Vollkommene in uns, von der Umwelt erkannt wird. Wir hoffen immer wieder, dass wir von der Welt, von den Anderen, Hilfe erhalten, um das Schöne und Makellose in uns leben zu können. Und wir sind immer wieder enttäuscht, weil von aussen, aus einer ebenfalls unvollkommenen Welt, keine Hilfe kommt. Wir sind umgeben von Menschen, die genauso wie wir, in ihrer Sehnsucht und ihrer Hilflosigkeit eingesperrt sind. Menschen, die genauso leiden, wie wir, und genauso von aussen her die Hilfe erwarten, wie wir, die von ihren Enttäuschungen und Verletzungen verhüllt sind, wie wir. Und auch tief in ihnen schlummert das Wissen um den menschlichen Auftrag: „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5,48).

Wie könnten wir diesen inneren, eingeimpften Auftrag erfüllen?! Wir sind in eine unvollkommene Welt hineingesetzt worden, die Unvollkommenheit wurde uns eingeimpft, jede Situation ist unvollkommen – und wir sollten vollkommen sein?! Es ist eine unerträgliche Spannung, die uns, jedem von uns, zugemutet wird. Wir versuchen zu fliehen. Nein, das bin ich nicht – das sind die Anderen. In jeder Situation muss ein Schuldiger gefunden werden. In der Gegenwart, in der Vergangenheit, in den Menschen, die das Unvollkommene in uns ansprechen oder die uns das Unvollkommene eingeimpft haben. Und wenn wir einsehen, dass es nicht in der Macht der anderen liegt, dann drehen wir den Spiess um, und schuldigen uns selbst an. Wir sollten doch „vollkommen sein wie unser Vater im Himmel vollkommen ist“. Was für eine Anmassung! Wie komme ich dazu, von mir etwas zu erwarten, was kein Mensch erfüllen kann? Wir vergiften uns und unsere Umgebung mit dem Grössenwahnsinn, der darin mitschwingt. Auch die Flucht in die Rechtfertigung „ich bin halt so“, deckt nur das Unerträgliche zu, heilt aber nicht.

Wir sind gerade dadurch aus dem Paradies ausgeschlossen, weil wir uns mit Gott vergleichen. Eigentlich mit dem schöpferischen Aspekt Gottes, mit dem VATER. Unsere Vorstellung über Gott beinhaltet meist nur Gott als Schöpfer, von dem die im Werden begriffene und dadurch in dem Prozesshaften unvollkommene Welt getrennt ist. Wir wollen DIESEN Aspekt Gottes nicht verkörpern. Wir lehnen DIESEN Aspekt Gottes ab. Wir können den SOHN darin nicht erkennen. Den SOHN, der nur durch uns in dieser Welt „Fleisch werden“ kann. Dadurch, dass wir ihn nicht sehen, bleibt ER, durch die Blindheit unserer Unvollkommenheit gekreuzigt in uns. Und die Welt, mit unseren eigenen Unvollkommenheiten, bleibt aus der Einheit ausgeschlossen, als Gegenpol, als etwas, was grundsätzlich „Nicht-Gut“ ist.

Gibt es einen Weg aus dieser ausweglos scheinenden Situation? Was kann uns aus der Sackgasse unserer Konzepte über Gott und über unseren menschlichen Auftrag herausführen?

Wir haben uns nicht erschaffen. Wir haben die Welt nicht erschaffen. Wir können mit dem, was wir sind, an dem teilnehmen, was ist. Unser Auftrag ist, mit dem Gegebenen zu arbeiten, daraus das Beste zu machen. Wir selbst, so, wie wir sind, sind auch Teil des „Gegebenen“.

Wir verwechseln Schuld und Verantwortung miteinander. Wir haben keine Schuld an dem, was wir durch die Vergangenheit geworden sind. Wir können aber die Verantwortung in der Gegenwart für das übernehmen, was wir sind. Das ist der Weg der Erlösung: Dadurch kann sich der SOHN-Aspekt Gottes, in uns und durch uns, am Mensch-Sein beteiligen.

Es gibt eine Idee der Sufi’s: „Zuerst ist die Kreuzigung und danach die Geburt Jesu“. Nehmen wir in uns den SOHN-Aspekt Gottes vom Kreuz der Schuld herunter. Martern wir IHN nicht mit der Dornenkrone, durch den Wirrwarr unserer assoziativen Gedanken! Geisseln wir IHN nicht mit unseren negativen Gefühlen von Minderwertigkeit und Grössenwahn!

So kann Weihnachten in uns vorbereitet werden, die Geburt von EXISTENZ, das Geschehen, das in der Geschichte von Jesus von Nazareth erzählt ist, aber in jedem von uns als inneres Geschehen, im lebendigen JETZT, erlebt werden kann. Wenn wir zur Erkenntnis gelangen:

Unvollkommenheit ist keine Schuld.
Unvollkommenheit ist Aufgabe.

© Agnes Hidveghy 2005

ars sacra