Unsere Arbeit

Wie hat bloss alles angefangen?

Abschlussbericht nach 3 Jahren ars sacra in Stettfurt mit nucleus

Ich kam in eine schon bestehende Gruppe nach Amden zu Agnes Hidveghy, welche sich ca. jeden Monat oder jede 2. Woche trafen.

Es war Januar. Der Zeitpunkt, wo alles für mich begann. Die Idee war entstanden (an den Ursprung kann ich mich nicht mehr erinnern), ein grösseres Projekt anzufangen und aus der Liegenschaft in Stettfurt ein Zentrum aufzubauen. Es ging darum, sich für drei Jahre für dieses Projekt zu verpflichten. Eine innere Verpflichtung. Dazumal hatte ich eigentlich noch gar keine Ahnung, was das heissen sollte. Und doch war in mir etwas stark angesprochen worden und irgendwo hatte sich eine Absicht, die mich durch diese Zeit getragen hat, geboren.

Das erste Jahr war geprägt von Arbeit, viel Arbeit und nochmals viel körperliche Arbeit. Da lernte ich was es heissen kann, über sich selbst hinauszuwachsen. Ich lernte, meine Unlust und Faulheit wahrzunehmen und ihr nicht jedesmal zu verfallen, sondern weiterzumachen. Ich lernte und staunte, wie viel immer noch in mir steckte, auch wenn ich gerade dachte, dass ich zu nichts mehr fähig war, völlig erschöpft und voller Widerstand, diese Grenze zu überspringen. Ich lernte, was es heisst, in einer Gruppe zu sein und zusammen zu arbeiten, getragen von einer gemeinsamen Absicht. Es ist unglaublich, welche Energien in einer Gruppe vorhanden sind und frei werden können. Die starke Erfahrung einer gemeinsamen Verbindung, jenseits von zwischenmenschlichen Konflikten, eigenen Problemen, eingeschränkter Sicht, Allein-Sein-Gefühl oder täglichen Herausforderungen, lebt in mir. Egal wie ich war, ich wurde auf irgendeine Weise immer angenommen, aufgefangen im Gefäss der bestehenden Nucleus-Gruppe. Rückblickend gesehen wurde mir auf diese Weise der Raum geschenkt, mit mir selbst „in Kontakt“ zu treten und eine Reise heimwärts, in mein eigenes Inneres, anzutreten.

Das erste Jahr war sehr arbeitsintensiv. Wir schraubten, schleiften, rissen Wände herunter, zügelten einige Tonnen, pflanzten an und zusätzlich wurde uns von Agi Wissen zur Verfügung gestellt, welches uns auf inneren Prozessen hilfreich begleitete. Die Verbindung von geistiger und körperlicher Arbeit war etwas völlig Neues für mich. Ich wusste nicht um die Wichtigkeit körperlicher Arbeit. Ich konnte beobachten, wie ich überhaupt kein Körpergefühl und –kontakt entwickelt hatte. Mehr noch war eher eine Abneigung (oder Widerstand?) gegen zuviel körperlicher Arbeit vorhanden. Aufgaben der Beobachtung während der körperlichen Arbeit waren meist sehr mühsam aber von grosser Bedeutung. So wurde mir vor Augen geführt, wie unfähig ich war, JETZT in diesem Augenblick dazusein. Wie wollte ich denn Da-Sein, wenn ich nicht mal Kontakt zu meinem Körper hatte, der im Hier und Jetzt ist? Entweder war ich in Gedanken oder mit Gefühlen beschäftigt. Die Wahrnehmung solcher eigener Unzulänglichkeiten war nicht immer einfach. Es ist schwer, sich so anzuschauen, wie man ist, ohne sich selbst zu verurteilen (besonders wenn es sich um sogenannte Schwächen handelt). Das Bedürfnis nach Vollkommenheit ist extrem stark, und die eigene Unvollkommenheit wahrzunehmen und anzunehmen ist für mich zur Lebensaufgabe geworden.

Das zweite Jahr begann. Ein neues Projekt nahm Formen an: „Astrologie als Kosmologie“ als dreijähriger Ausbildungsweg. Die Arbeit wurde verlagert: Nicht mehr das Arbeiten mit und am Körper waren im Vordergrund, sondern die Beobachtung von eigenen Erfahrungen in Verbindung mit dem astrologischen Wissen wurden zum Mittelpunkt unserer Arbeit. Nach Beginn der ersten Astrologietreffen wurde ich mit etwas in mir konfrontiert, dass ich auf diese Weise noch selten so klar wahrgenommen hatte: Ich nenne es „innere Stimme“. Es fühlt sich an wie eine Instanz in mir, die weder im Verstand noch in den Gefühlen angesiedelt ist. Sie steht hinter allem und hat eine wahnsinnige Kraft. Ich kann und will mich nicht gegen sie stellen. Es ist, als ob diese Instanz, die innere Stimme, jenseits von Verstand und Gefühlen, weiss, wohin mein Leben mich führen soll. Es ist schwierig, ihr ganz zu vertrauen, weil keine Argumentation (vom Verstand) diese Stimme „legitimiert“. Es geht darum, ihr zu vertrauen und nicht auf Gefühls- oder Verstandesstimmen zu hören. Und diese „innere Stimme“ sagte mir eines Morgens, aus dem Nichts, dass ich aus dem Projekt ars sacra und Nucleus in Stettfurt aussteigen soll. Kein Warum, keine Erklärung, nur diese unmissverständliche Botschaft. Ich folgte dieser Stimme mit allen Wenns und Abers, die ich einfach in meine Entscheidung „mitnahm“. So stieg ich aus dem Projekt aus, ohne zu wissen, wie es weitergehen würde und ob ich in meiner dreijährigen Verpflichtung fürs Projekt versagt hatte.

Schlussendlich bin ich während einem Jahr beim Projekt nicht anwesend gewesen. Eigenartigerweise fühlte ich die Verbindung zur Gruppe auch ohne aktiv dabeizusein. Es war kein Ausschluss, denn irgendwie wurde ich vom Gefäss und Raum, der durch die Gruppe entsteht, weitergetragen. Im dritten Jahr stieg ich in einer turbulenten Zeit, nach einem persönlichen Schockerlebnis, wieder ins Projekt ein. Es ist für mich rational nicht erklärbar, warum ich gerade dann wieder begann, aktiv dabeizusein. Die folgende Zeit war für die innere Arbeit an mir sehr intensiv. Persönliche Erfahrungen mischten sich mit vorhandenem, innerem Wissen, die Grenzen von Richtig und Falsch verschwammen, teilweise ging ein ganzes Konstrukt, welches mir früher zur inneren Orientierung verhalf, in Brüche. Es ist schwer in Worte zu fassen, was ich seit dem August 2006 erlebt habe und erlebe. Manchmal kommt es mir vor, wie ein völliger innerer Umbruch. Und noch fühle ich mich mittendrin und es besteht keine Klarheit darüber, worum es geht und was es ist. Jeder Tag stellt mir etliche Möglichkeiten zur Verfügung, um an mir zu arbeiten und mir Stück für Stück näherzukommen. Ein ewiger Weg. Leben. Das unendliche Wünschen und Sehnen danach, einfach zu leben. Jetzt und Hier. Es ist unglaublich, welche Türen sich öffnen können. Ich lebe immer mehr. Ich spüre mich immer mehr. Es ist ein Weg nach Hause. Aber eben.... ein ewiger Weg.

Ich könnte ein Buch schreiben über das Projekt ars sacra in Stettfurt mit nucleus. Der Reichtum, der mir in dieser Zeit geschenkt wurde, ist unermesslich. Es war eine Lebensschule und sie lebt weiter in mir. Voller Dankbarkeit für diese Zeit bleibt das Still-Sein und innere Schweigen.

Annick

© ars sacra 23. Juni 2006