Geben

Ein Auszug aus dem Heft “Geben” von Agnes Hidveghy. Es besteht aus 22 Seiten in A4 Format. Sind Sie am ganzen Text interessiert? Das Heft kann hier bestellt werden.

Die Psychologie lehrt uns unsere Bedürfnisse wahrzunehmen. Nehmen wir auch das Bedürfnis zu Geben wahr? Sind wir fähig zu geben? Was hat Geben mit freiem Willen zu tun? Was hinder uns, bedingungslos das zu geben, was uns gegeben ist und was der Andere braucht?

Du kannst wählen:
Entweder bist du ein Opfer, weil von dir etwas genommen wird,
oder
du bist privilegiert,
weil du das schenken kannst, was der andere braucht.

Je weniger du hast, umso mehr kann durch dich gegeben werden.

Wenn ich zugebe, dass ich hilflos bin, fühlt sich der andere vielleicht stärker. Er entdeckt seine eigene Stärke. In ihm erwacht etwas, was durch die gewohnten, unfairen Auseinandersetzungen gar nicht wahrgenommen werden konnte.

Ich habe einmal ein Paar telefonisch begleitet. Sie leben seit Jahren zusammen und haben keine Kinder. Sie hatte sich während ein paar Monaten in einen anderen Mann verliebt. Er litt furchtbar darunter. Manchmal rief er mich spätabends an, und weinte seinen Schmerz aus. Eines Tages telefonierte er und sagte: «Ich habe meiner Partnerin gegenüber eine so grosse Liebe erlebt, wie ich das nie für möglich gehalten hätte.» Er hat sie nicht verstossen, nicht davongejagt. Er wurde durch das unaussprechliche Leiden über seine Begrenzungen hinausgeschleudert. Er wurde durch das «ertragen des Unerträglichen» (Karlfried Graf Dürckheim) reich beschenkt. Danach verschwand der Dritte und die partnerschaftliche Beziehung zwischen dem Ehepaar wurde stärker und intensiver. Wenn er mit einer Erwartung, mit einer Hoffnung, dass es so kommen würde, einen Spalt offen gelassen hätte, wenn er die Intensität seines Schmerzes dadurch vermindert hätte, wären sie beide um die Früchte ihres Prozesses betrogen worden.

Ein gemeinsamer Weg ist stark. Wir wissen nicht, was wir im anderen auslösen und was er braucht, indem wir so sind, wie wir sind. Wir brauchen Mut und Vertrauen um zu dem zu stehen, was wir sind. Damit geben wir dem anderen ein grosses Geschenk; wir trauen ihm nämlich zu, dass er stark ist und dass er wachsen kann. Oft ist unsere eigene Hilflosigkeit eine Hilfe für den anderen. Wir werden dadurch, dass wir sind, dass wir da sind, zum Kanal der Hilfe, die wir von Oben erhalten.

Mitleid erzeugt Selbstmitleid und ist entmündigend, was zur Schwächung des anderen führt. Geben, uns geben, auch in unserer Schwäche. Unsere Unvollkommenheit und Hilflosigkeit kann eine Form des Dienens sein. Wir schenken uns so, wie wir sind. Bedingungslos, ohne Vorstellungen darüber, was und wie wir sein sollten.

Oft wird Ehrlichkeit falsch verstanden. Damit ist nicht die Haltung gemeint: «Na ja, das habe ich dir schon gesagt, es ist nun dein Problem, was du damit machst». Damit grenzen wir uns wieder ab, wir bleiben nicht verbunden. Verbundensein beinhaltet immer Spannung. Je mehr Spannung wir ertragen, umso mehr sind wir verbunden. Wir werden zur Verbindung – wie könnten wir dann noch einsam sein?!

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Agnes Hidveghy