Ich trage immer wieder das Gefühl in mir, dass mir etwas zum wirklichen Leben fehlt, als ob ich mich nur an der Oberfläche bewegen würde. Diese innere Stimme verleitete mich schlussendlich zum Entscheid, drei Jahre am Aufbau der Lebenswerkstatt ars sacra mitzuwirken und diese Herausforderung anzunehmen. Ich wollte schauen, ob ich durch die Mitarbeit am Projekt dem Leben näher komme. Damals hatte ich keinen echten Bezug zu unserer Vision von einem grösserem Zentrum für innere Arbeit bzw. wie wir dieses Projekt umsetzen konnten. Unbewusst dachte ich mir, dass einige schon wissen würden, was zu machen und wie vorzugehen war.
Das erste Jahr war von physischer Arbeit geprägt, wir machten uns voller Begeisterung daran, das Haus in Stettfurt zu renovieren. Ich war es gewohnt gewesen, Arbeiten so schnell wie möglich zu beenden, damit ich wieder relaxen und das Leben geniessen konnte. In dieser Zeit erlebte ich einige Male, dass ich beim Arbeiten nicht vom Pulsieren des Lebens getrennt sein musste. Es war viel mehr ein Trugschluss gewesen, mich auf das Geniessen zu fokussieren, da dann ja häufig die Frage kam „ist das alles“? Durch diese Art von Arbeit empfand ich mich dem Leben sehr nah. Ich sah mich bestätigt, dass das Leben mehr enthalten musste. Gleichzeitig war ich erschrocken über mich, dass mein Leben bisher von dieser starken Vorstellung in mir bestimmt wurde. So sollte es mir in den nächsten drei Jahren noch unzählige Male ergehen.
Wir trafen uns fast jeden Samstag, um gemeinsam zu arbeiten. Es gab kaum einen Samstag, an welchem ich mit Vorfreude zu unseren Treffen ging, ich musste mich immer wieder überwinden. Alleine hätte ich nicht die Kraft gehabt, mich Samstag für Samstag aufzuraffen. Dadurch dass wir eine Gruppe von Menschen mit der gleichen Absicht waren, fühlte ich mich immer wieder getragen, den Weg weiter zu gehen. Unsere gemeinsame Ausrichtung gab mir das Vertrauen, mich den anderen offen und verletzlich zu zeigen. Das gab mir einerseits ein Gefühl von Heimat, andererseits führte diese gegenseitige Haltung zu Auseinandersetzungen. Ich war tief getroffen, als ich aufgrund eines angeblichen Fehlverhaltens meinerseits das erste Mal wie ein kleiner Junge herabgekanzelt wurde. Das widersprach all meinen Vorstellungen von einem menschlichen Umgang. Alles in mir rebellierte, ich wollte mich rechtfertigen und dennoch spürte ich auch das Vertrauen in mir, dass es gut war wie es war. Dadurch wurden Prozesse in mir in Gang gesetzt, vor denen ich mich immer gescheut hatte. Ich musste auf diese Weise zwangsweise lernen, mit inneren Spannungen umzugehen, da ich bestrebt war, mich nicht mehr gegen alles zu schützen. Ich wollte zulassen, auch wenn ich verletzt wurde. Denn gerade die erlebten inneren Verletzungen, die ich aushalten konnte ohne zu verurteilen, führten mich zu mir und meiner Lebendigkeit. Ohne die Dynamik und Offenheit der ganzen Gruppe wäre dies nicht möglich gewesen. Hierfür bin ich sehr dankbar, auch wenn die einzelnen Situationen teilweise nur schwer auszuhalten waren.
Ich nehme reiche Erfahrungen aus den letzten drei Jahren mit mir. In Nachhinein stehe ich nun auch vielen Schwierigkeiten, die letztendlich dazu führten, dass unser Projekt nicht verwirklicht werden konnte, positiv gegenüber. Gerade diese Situationen forderten mir alles ab, indem sie mir meine Unzulänglichkeiten manchmal gnadenlos vor Augen führten. Es fühlt sich nun an, als ob ich den ersten Schritt auf meinem inneren Weg zurückgelegt habe. Ich spüre die Freude und die Verantwortung, den Weg weiterzugehen.
Philipp
© ars sacra 23. Juni 2006