Seebeben

Alle sprechen über die Flut, die Ende Dezember im fernen Osten gewütet hat. Alle sind berührt und bereit, einiges für die Opfer zu tun.

Viele sind fassungslos, suchen hilflos Orientierung nach einem unerwarteten Geschehen. Und überall schwingt das Aufatmen mit: Wir sind die Glücklichen, die überlebt haben. Wie wenn wir selber nicht sterben würden!

Unerwartete Katastrophe? Wir wähnen uns in Sicherheit, wir vertrauen unserer Welt – beziehungsweise unseren Vorstellungen darüber. Wir ignorieren, dass die Erde ein lebendiger Organismus ist, der sich immer weiter entwickelt und dauernd in Bewegung ist. Wir meinen, dass der Planet nach einer langen Zeit der Entwicklung stehen geblieben ist, damit wir uns hier für die Unendlichkeit einrichten können. Bei dieser Vorstellung ist es einfacher, die Gewissheit über unseren eigenen Tod zu verdrängen. Wenn wir das in Betracht ziehen, erübrigt sich die Frage: „Warum hat es jene getroffen, und nicht andere?“ Wir kommen alle dran. Es trifft uns alle, ausnahmslos.

Die Geschehnisse sollten uns sinnvollerweise daran erinnern, dass auch unser Leben in jedem Augenblick „ungesichert“ ist. Wir könnten dann in Dankbarkeit das annehmen, was auch geschieht, jenseits des Machbaren – schicksalhaft – und damit arbeiten.

Das „arbeiten“ kann unterschiedlich sein, je nach dem, wo wir gerade stehen. Wir können auf etwas verzichten, damit wir finanziell zu helfen vermögen. Wir können hingehen und den Betroffenen mit dem Hand reichen, was unsere Fähigkeiten und Ausbildung ermöglichen. Konkrete, praktische Hilfe kann harte Arbeit sein und ist unbedingt notwendig. Leid zu lindern kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber viele haben nicht die Möglichkeit, finanziell beizutragen oder praktische Hilfe anzubieten und nicht alle könnten an Ort und Stelle gebraucht werden.

So lange wir von der Trennung überzeugt sind, können wir die Bedeutung von dem, was anderen geschieht, nicht vollständig erfassen. Wir können Mitleid haben – das ist jedoch auch ein Zeichen der Trennung: Damit ist niemandem geholfen, damit schwächen wir uns und die anderen. Es ist ein Symptom unserer Arroganz: Wir meinen nachvollziehen zu können, was andere erleben. Im Mitgefühl dagegen schwingt bereits die Ahnung der Einheit allen Lebens mit. Das Wissen, dass wir ein einziges Gewebe bilden, wo jeder von jedem abhängig ist, wo alles mit allem verbunden ist.

Auf unserem Planeten ist in jedem Augenblick die ganze Spannweite menschlicher Erfahrungen gleichzeitig vorhanden: Geboren werden, Aufwachsen, Lieben, Gewalt, Meditation, Reifung, Hilflosigkeit, Geschäftigkeit, Schlaf und Erwachen,… und Sterben. Es ist wie ein Staffellauf, auf die Menschheit bezogen. Jeder in seiner Funktion, auf seinem Platz, in seiner eigenen Zeit. Wir können nicht die Rolle von einem andern erfüllen, wir können nicht früher, als es unsere Zeit ist, mit unserer Aufgabe beitragen. Keiner ist austauschbar in seiner Eigenart, in der Einmaligkeit seiner Rolle. Und jeder hat eine Rolle – ob wir es verstehen oder nicht: Wir sehen nur die Mosaiksteine aber nicht das Bild, das aus ihnen entsteht.

Wir benötigen Energieformen, die wir selbst nicht erzeugen können. Wir liefern Energiearten, die einzig durch uns entstehen können, damit diejenigen, die dazu nicht fähig sind, auch daran beteiligt sind. Keiner ist fähig allein zu überleben. Wir ernähren einander, wir geben und nehmen, wir tauschen aus. Mit jedem Atemzug.

Was hat das für Konsequenzen?

Beim Sterben wird Energie freigesetzt. Jedes organische Wesen – auch Pflanze und Tier – baut während dem Lebensprozess Energie auf, das beim Vergehen der jeweiligen Form frei wird und für einen neuen Lebensprozess als Nahrung zur Verfügung steht. Denken wir an den Kompost.

Wenn Menschen sterben, wird hochwertige Energie freigesetzt. Die Frage ist: Wer macht Gebrauch davon und wozu? Auf das Seebeben hat die Börse innerhalb von 1-2 Tagen positiv reagiert: Die Industrie wittert Geschäfte in den zerstörten Gebieten. Das ist auch eine Möglichkeit der Verwertung von Energie, die durch das Opfer von Menschenleben zur Verfügung steht.

Was sind unsere Möglichkeiten?

Oder noch besser ausgedrückt:


Worin besteht unsere Verpflichtung
denen gegenüber,die mit ihrem Leben bezahlt haben?


Wir leben hier in einer relativen Sicherheit, im Wohlstand und sind in Kontakt mit der Idee des kosmischen Auftrages des Menschen. Was können wir mit der Energie machen, die in unserer Zeit in Hülle und Fülle zur Verfügung steht? Was stärken wir, was nähren wir damit? Wozu gebrauchen wir sie?

Die Frage ist nicht, ob uns genügend Energie zur Verfügung steht, sondern ob wir die Energie, die zur Verfügung steht, sinnvoll gebrauchen können oder nicht. Wenn ich das bildlich ausdrücke: Strom steht uns zur Verfügung, welchen Apparat schliessen wir am Stromnetz an? Einen Staubsauger oder einen Toaster, eine Waschmaschine oder einen Spielautomaten? Und dann: Arbeitet unsere Maschine richtig oder ist sie reparaturbedürftig? Kann unsere Maschine den Strom effizient zu Leistung umtransformieren?

Wir sind jenen gegenüber, die ihr Leben hingegeben haben, - das war ihr Anteil- verpflichtet, mit jedem Atemzug. Erinnern wir uns daran: Was wir ausatmen, verteilt sich inner-halb von 2-3 Wochen über die ganze Oberfläche des Planeten. Jedes Atom ist durch unser Sein geprägt, ist ein Informationsträger. Welche Botschaft wird durch unser Ausatmen weltweit in Umlauf gesetzt? Sind wir fähig, Atome, die durch negative Erfahrungen programmiert sind, durch unseren Atem umzupolen?

Wir atmen Informationen von allen Wesen ein, die jemals auf der Erde gelebt haben. Das ist Statistik, keine vage „Esoterik“. Was können wir verstärken, löschen, verändern durch unseren Atem? Was verändern wir in der Atmosphäre der Erde für die kommenden Generationen? Für diejenigen, die mit ihrem ersten Atemzug, die erste Prägung dieser Welt erhalten? Können wir mit unserem Atem etwas in die Erdatmosphäre, in das „morphogenetische Feld“ (Sheldrake) des Planeten einspeisen, das Leid lindern kann?

Es ist die Frage:

Vergeuden wir die kostbare Energie, die uns zur Verfügung steht,
oder
verstärken wir unsere Anstrengungen,
damit das Leiden und Sterben Vieler nicht vergebens ist?

Agnes Hidveghy
Amden, Jan. 2005

ars sacra