Unsere Arbeit

Abschied von Stettfurt

Nun ist es also so weit, die Zeit in Stettfurt ist vorbei, ist abgeschlossen; sie hat sich erfüllt.

Die Furt in der Zeit und im Raum ist überquert. Das Neue ist schon vorbereitet, es ist gross, schön, reich und verheissungsvoll.

Das Alte liegt noch in Reichweite. Ich habe es nicht vollständig hinter mir zurückgelassen. Immer wieder holt es mich ein, hält mich zurück, wenn ich vorwärts stürmen will. Im Alten, auf der anderen Seite der Furt, ist noch viel Substanz enthalten, eingebunden, die für das Leben freigesetzt werden möchte. Bei der Überfahrt ans andere Ufer habe ich das Wissen und die Fähigkeit erworben, diese Freisetzung geschehen zu lassen. Sie gelingt mir nicht immer dann, wenn ich es gerade möchte, sie gehorcht eigenen Gesetzmässigkeiten und ist im Ende ein Akt der Gnade, ein Geschenk, auf das ich mich vorbereiten, das ich jedoch nicht willentlich herbeiführen kann.

Doch wenn ich ihre Gesetze kenne und respektiere - und ich habe sie kennen und erkennen gelernt, mit der Hilfe von dem Wissen, das uns Agi weitervermittelt hat und dem gemeinsamen Praktizieren in der Gruppe – dann habe ich die Möglichkeit, mich immer wieder von Neuem auf ein tiefes JA zum Leben ein zu lassen und es anzunehmen, so wie es ist.

Im JA liegt das Neue, das Weite, das verheissungsvoll Unbekannte, der vertrauensvolle Aufbruch zu neuen Möglichkeiten. Im Alten steckt die Enge, die dunkle Schwere des Bekannten, das Unvollkommene, die Schwächen, Unfähigkeiten, das Versagen, die Hindernisse und Schwierigkeiten, Enttäuschungen und die Verweigerung zum Leben.

In der Zeit von Stettfurt habe ich gelernt, diese zwei Welten miteinander zu verbinden und einen gangbaren Weg zwischen ihnen anzubahnen, eine tragende Brücke aufzubauen, auch wenn es mir manchmal sehr schwer fällt, diesen Weg auch wirklich zu gehen. So wie gerade jetzt, wo es darum geht, durch einen Rückblick diese Zeit zu würdigen und abzuschliessen.

Eine unendlich starke Sehnsucht hat mich dazu getrieben, das Alte zu verlassen und auf das Neue zu hoffen, sie war die Triebfeder meines bisherigen Lebens und hat mich durch die intensive Zeit in Stettfurt begleitet, über manchen Abgrund, durch manche Krisen hindurch getragen.

Nun bin ich von Stettfurt weggezogen, ein grosser neuer Raum steht bereit. Ein Neuanfang in Freiheit und Leichtigkeit, mit einem wunderbaren, liebevollen Mann an meiner Seite, hat die labyrinthischen Räume und die tief verwobenen Beziehungen der letzten drei ein halb Jahre abgelöst.

Doch Stettfurt lebt in mir weiter, irgendwie bin ich zu einem Ort des Überganges, zu einer Furt geworden, auch wenn ich mir das nie bewusst gewünscht habe. Die Verbindung zum Alten bleibt erhalten, es drängt mich nicht mehr so verzweifelt danach, es hinter mir zurückzulassen, es abzuschütteln und auf immer zu verlassen. Ich bin bereit, es anzunehmen als das Leben, das mir geschenkt wurde und meinen Platz darin einzunehmen, als Verbindung zwischen den zwei Welten, dem Sein und dem Werden. Im Kreuzungspunkt zu stehen, mit beiden Füssen fest auf dem Boden, mit möglichst offenem Herzen und zum Tun und Geben bereiten Händen.

In diesem Sinne kann ich sagen, die Zeit in Stettfurt war wie eine Geburt, eine Zeit, die mich ganz ins Leben geholt hat, so weit, wie ich es nur zulassen konnte. Mit all den Schmerzen, den Geburtswehen, den unüberwindlich scheinenden Engpässen, mit unmenschlichen Anstrengungen und erhebenden Glücksmomenten. Voller Dankbarkeit habe ich die Kraft und die Unterstützung durch eine wunderbare Gemeinschaft erfahren, die sich auf den gleichen Weg gemacht hat, die sich den gleichen Strapazen ausgesetzt hat und dadurch den heilsamen, schützenden Rahmen bildete, indem es möglich war, sich und die anderen in der dünnhäutigen Verletzlichkeit der verschiedenen Wandlungsphasen anzunehmen und einander in Liebe zu begegnen.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass diese Geburt abgeschlossen ist, oder dass ich ganz angekommen bin im Leben. Doch etwas in mir weiss, dass die kritische Grenze überschritten ist, das „Nadelöhr“ liegt schon hinter mir, das konnte nur im Lebensprojekt Stettfurt, mit der Hilfe von nucleus geschehen. Dazu brauchte es diese drei reichen Jahre, die vielen, verschiedenen Aufgaben und Reibungsflächen. Das erkenne ich nun im Nachhinein, obwohl ich noch ganz erschüttert und unsicher auf meinen zwei Beinen stehe.

Vielleicht könnte ich auch sagen, in Stettfurt habe ich gehen gelernt. Ich habe die Philosophie der kleinen Schritte kennen, schätzen und anwenden gelernt.

Nach dem tagelangen Putzen und Räumen in den letzten Tagen vor der Übergabe bin ich ein letztes mal durch den Garten und das Haus gegangen. Ich fühlte eine grosse Dankbarkeit, einen grossen Frieden, in mir und im Haus. Es wirkte so beseelt, so als würde es sich freuen über unsere letzten Bemühungen um Ordnung und Klarheit, die nun endlich ganz sichtbar und spürbar werden konnten. So viele Ecken und Winkel hatten uns bisher vergeblich darum gebeten. Immer wieder war nach kurzer Zeit Chaos und Unruhe entstanden, das Ausmass an unerledigten Arbeiten schien grenzenlos, unüberwindlich, unmenschlich. Das lag mir ständig vor Augen bei unserem Projekt, ich habe drei Jahre lang inmitten des Unmöglichen gelebt und bin oft daran verzweifelt. Das ganze Projekt, mitsamt der website, den Seminaren, den Gartenarbeiten, Renovationen, dem Zusammenleben und – arbeiten, war ein paar Schuhnummern zu gross für die geringe Anzahl von Beteiligten und für unsere begrenzten Fähigkeiten.

Es grenzt an ein Wunder, dass wir trotzdem immer wieder den Mut gefunden haben, weiter zu machen, Schritt um Schritt: hier ein kleines Ecklein jäten, dort eine Rose anpflanzen, hier einen Ast schneiden, dort ein Beet umgraben, eine Einladung versenden, ein Mahl zubereiten, den Raum reinigen, eine Leiste anbringen, ein Loch ausbessern... dem scheinbar Unmöglichen etwas Kleines, Unvollkommenes, das im Bereich unserer momentanen Möglichkeiten liegt, entgegensetzen, mit unendlichen Bemühungen und unzähligen, misslungenen Versuchen; Ordnung schaffen, das Gesunde stärken, Harmonie und Schönheit wahrnehmen und ihnen Raum zur Entfaltung schenken.

Unsere Anstrengungen haben als Ganzes ausgereicht. Wir konnten alle einen entscheidenden Schritt weitergehen, das alte Haus hat neue Besitzer gefunden und wir, jeder Einzelne für sich, einen neuen Ort, um weiter zu wirken. Hier werden wir in eigener Verantwortung anwenden können, individuell, den Umständen entsprechend angepasst, was wir als Werkzeug in den letzten Jahren zusammen erarbeitet haben. Als Gruppe sind wir zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen, die auch in einer grösseren Entfernung miteinander in Verbundenheit und im gegenseitigen Austausch lebt.

In Stettfurt hat eine Verdichtung stattgefunden, die nicht wieder rückgängig gemacht werden kann, auch wenn gewisse Teile in mir das gerne immer wieder einmal versuchen möchten. Ich bin froh, dass das nicht mehr möglich ist und zugleich auch froh, dass diese Zeit nun vorüber ist. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob es wirklich notwendig war, durch all das hindurch zu gehen, war es notwendig, all diese vielen Anstrengungen auf sich zu nehmen, gibt es keinen einfacheren Weg?

Wenn ich zurückschaue, dann sehe ich, dass ich genau den Druck erzeugt habe, der meinem eigenen Geburts- und Lebensmuster entsprochen hat. Sicher gibt es unzählige andere Möglichkeiten, unterwegs zu sein, doch Stettfurt hat dem entsprochen, was ich brauchte, um die kleinen Schritte in ein grösseres Leben zu wagen.

In Dankbarkeit für das was war und ist.

© Susanne 22. Juni 2006