
Apollo in Chariot, Mosaic, 225 AD
Astrologie kann auf dem spirituellen Weg ein nützliches Instrument sein. So, wie sie heute gebraucht wird, dient sie unserem psychologischen Verständnis. Wenn sie als Orakel für die Zukunft gebraucht wird, befriedigt sie ein menschliches Bedürfnis - das Bedürfnis der Triebseele, die Angst vor dem Unbekannten hat und sich durch Vorstellungen absichern will. In diesem Fall kann man genauso gut zu einer Kar-tenlegerin oder Kaffesatz-Leserin gehen. In der Astrologie steckt aber weit Grösse-res, sowohl für unsere individuelle Orientierung, wie auch für das Erkennen kos-misch gültiger Gesetze.
Für den heutigen Stand unseres Wissens ist es eine unmögliche Vorstellung: Wenn ein Kind auf die Welt kommt, wird seine Struktur - körperlich, seelisch und geistig - und sein Lebenslauf durch die Beziehung der Lichter - Sonne und Mond - und der Planeten geprägt. Dieser Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung be-steht eindeutig nicht. Wir wissen, dass die zwei Zellen, aus denen das Embryo sich entwickelt, bereits die ganze Erbanlage beinhalten und dass all die Einflüsse, die in den vorgeburtlichen 9 Monaten im Mutterleib auf den Fötus wirken, prägend sind. Es gib also keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Geburtsmoment und der Konstellation des Sonnensystems. Dann entsteht aber die berechtigte Frage: Wie funktioniert die Astrologie? Dass sie funktioniert, ist keine Frage.
Wir sind in unseren westlichen Konzepten auf das Kausalitäts-Gesetz fixiert. Ausser dem gibt es aber andere kosmische Gesetze, die wir in unserer Art des wissen-schaftlichen Denkens noch nicht als solche anerkennen. Ansätze sind vorhanden, ohne die Möglichkeit der Erklärung, da Erklären bedeutet, sich auf den Ursache-Wirkung Zusammenhang zu beziehen.
Das Gesetz, das in der Astrologie praktisch angewendet aber kaum je genau wahr-genommen wird, ist das Gesetz der Analogie. Dieses Gesetz beschreibt das Phäno-men, worauf sich z. B. auch die Geomantie oder die Phytotherapie selbstverständ-lich beziehen. Wir erfahren im Alltag immer wieder, dass es «Omen» gibt, Zeichen, die die Qualität eines Prozesses eigentlich am Anfang beschreiben.
Das Gesetz der Analogie ist die gleichzeitige Manifestation in verschiedenen «Wel-ten» von einer bestimmten Energie - einem Energiefeld. In der Astrologie wird bei der Geburt eines Kindes das Energiefeld des Sonnensystems «abgelesen» und dar-aus eine Parallele in der menschlichen Manifestation gezogen. Wenn der Geburts-moment der Zeitpunkt der Geburt eines Kaninchens oder eines Autos ist, dann muss die Konstellation des Sonnensystems auf die jeweilige Ebene umgedeutet werden. Die Konstellation eines bestimmten Zeitpunktes im Sonnensystem sagt nichts darüber aus, was in diesem Moment ein eigenständiges Leben angefangen hat. Aber wenn zwei kosmische Welten gleichzeitig «geboren» sind, läuft ihr Leben - in ihren eigenen Dimensionen - parallel ab. So können wir einige alte, durch die Tradition bedingte Bräuche, im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes besser verstehen, wie z. B. das gleichzeitige pflanzen eines Baumes.
Anders formuliert: Ein Kind kann nur dann auf die Welt kommen und sich mit dem ersten selbständigen Atemzug direkt in das Leben «einklinken», wenn seine eigene energetische Konstellation mit der Konstellation des Sonnensystems über-einstimmt. Ob diese Geburt spontan oder künstlich geschieht, spielt dabei keine Rolle. Das wissenschaftlich «dumme» bei der Sache ist, dass jeder Mensch nur ein-mal auf die Welt kommt, man kann also nicht experimentieren. So erübrigt sich die Frage, «wie wäre der Mensch geworden, wenn er zwei Tage später oder eine Stunde früher geboren wäre?». Das Leben lässt sich eben nur erfahren, aber nicht in unse-ren wissenschaftlichen Konzepten einfangen.
Die Astrologie wird heute in einer verflachten Form mit westlichen psychologi-schen Konzepten über den Menschen gestülpt. Vor rund 20 Jahren habe ich mich mit dem früheren Leiter der Astrologischen Gesellschaft in London (er stand ihr 25 Jahre lang vor) unterhalten. Er sagte bereits damals resigniert über seinen Nachfol-ger: «Mehr Psychologie als Astrologie». Das psychologische Verständnis bestimmt die gängige Astrologie bei uns, und damit ist die kosmologische Dimension der Astrologie verloren gegangen. Das hat zur Folge, dass in der persönlichen Deutung die vertikale Dimension fehlt, die Komponenten werden nebeneinander gereiht. Dabei besteht im Aufbau des Sonnensystems - das als Orientierung dienen sollte - auch eine Hierarchische Ordnung. Die Astrologie hat aber auch den Kontakt zur astronomischen Struktur verloren: Für die meisten ist das Studium des Sonnensy-stems in seiner Komplexität zu anspruchsvoll und mühsam. Die meisten diplo-mierten Astrologen verfügen nicht einmal über einfache astronomische Grund-kenntnisse. Damit bleibt die Astrologie ohne Boden in einem Zwischenbereich zwi-schen Theorie und «Gespür» hängen. Das Studieren von den konkreten Strukturen des Sonnensystems würde falsche Vorstellungen korrigieren helfen. «Wie oben, so unten» oder «wie aussen, so innen». Die Konsequenzen dieser Aussage sind enorm. Ihre Wahrheit können wir Schritt für Schritt erkennen, verstehen und zu Nutze ma-chen.
Das, was wir im Menschen nicht direkt erfassen können, das erkennen wir in einem System, das ausserhalb von ihm als Spiegel benutzt werden kann.
Aus der Schulzeit haben wir einige Kenntnisse über das Entstehen und Funktionie-ren unseres kosmischen Umfeldes. Es ist aber notwendig, das Sonnensystem in sei-nem hierarchischen Aufbau neu zu erkennen. Dies bildet die Basis für weitere Er-kenntnisse, da die Grundstruktur alles Seienden das gleiche ist.
All die relativ selbständigen Bildungen in den unterschiedlichsten Grössen-ordnungen nennen wir Kosmos. Ein Atom ist genauso ein Kosmos, wie ein Milchstrassensystem, ein Baum oder ein Planet. Wenn wir einmal die Grundstruktur in einem System erkannt haben, erkennen wir sie auch in anderen kosmischen Sy-stemen. Auch in uns, als Aufbau unserer eigenen Innenwelt. Meistens ist es einfa-cher, Zusammenhänge in den Erscheinungsformen wahrzunehmen, als in uns selbst.
Es ist eindeutig: Unser Zentralgestirn ist die Sonne. Sie hat das ganze Sonnensy-stem aufgebaut, unseren Mutterplaneten «Erde» inbegriffen, und hält das ganze Sy-stem am Leben. Bedingt durch physikalische Gesetze, hat die grosse Masse der Sonne - neben anderen Phänomenen - sie zu einer Rotation um die eigene Achse gebracht. Die Sonne beinhaltet mehr als 99% der Materie vom ganzen Sonnensy-stem. All die Planeten, die Monde und die kleineren und grösseren Partikel machen nicht einmal 1 % aus, alles um die Sonne herum ist im Verhältnis zu ihrer Grösse, beinahe «Nichts». (Das gleiche Phänomen finden wir in der Struktur der Atome.) Aus bereits vorhandener Materie, die durch das Leben und Sterben von vorherigen Sonnengenerationen entstanden ist, ist ein neues System entstanden. Die Materie, die unseren Körper bildet, besteht auch aus diesem kosmischen Stoff, der in diesen, für uns unvorstellbaren Prozessen entstanden ist. Das ganze Weltall besteht aus Sonnen, von denen die meisten in ein grösseres System eingebunden sind. Man kann sie als kosmische Bausteine, «Elementarteile» betrachten, mit der Fähigkeit zu strahlen und Strukturen aufzubauen. Eine Sonne ist eine kosmische Grössenord-nung, im ganzen Weltall. Die Sonnen sind die Manifestationen einer bestimmten Ebene, eine Rangordnung in der sichtbaren Schöpfung. In den spirituellen Tradi-tionen wird immer auf die entsprechende innere Ebene Bezug genommen, wenn von der «Sonne» die Rede ist. In der Personifizierung der Sonne in der Mythologie erfahren wir auch von der Natur des Zentralgestirnes in uns.
Die Sonne erschafft durch ihre Rotation ein Energiefeld, das zu ihrer Rotati-onsachse im geraden Winkel steht. Auf diesem Energiefeld sind die Planeten auf der Planetenebene angeordnet. Sie entstanden aus Materie, die von der Sonne einge-fangen und in gesetzmässig vorgegebenen Entfernungen von ihr zu «Kugeln» ge-ballt wurden. Sie umkreisen die Sonne jeweils nach ihren Gesetzen und sind auch gross genug, um sich um die eigene Achse zu drehen. Sie beeinflussen einander auf ihren Bahnen in einer voraus berechenbaren mathematischen Genauigkeit.
Einer von diesen Planeten ist die Erde, unsere Heimat. Sie ist ein Teil dieses Energiefeldes. Wir erleben die dauernden Veränderungen im Energiefeld, all das, was im Sonnensystem geschieht, auf den Planeten bezogen.
Die Erde wird von einem Mond umkreist. Ein Mond ist ein Himmelskörper, der um einen Planeten kreist. (Nicht um die Sonne, wie der Planet.) Es gibt Pla-neten, die mehrere Monde haben, wie z. B. der Mars, der zwei Monde hat. Was un-seren Mond aber einmalig macht, ist seine Grösse im Vergleich zu Erde; er ist zu gross. Dadurch «taumelt» die Erde und kann ihre Bahn um die Sonne nicht geradli-nig ausführen. Der Mond hat keine Eigendrehung: Er ist auf die Erde «fi-xiert», so, dass er immer die gleiche Seite der Erde zukehrt.
Jenseits des Sonnensystems ist der Fixsternhimmel mit den Milliarden von Son-nen, die wir nur als Lichtpunkte wahrnehmen. Sie bilden die Galaxie, zu welcher auch unsere Sonne gehört und deren Mittelpunkt ein «Schwarzes Loch» ist. Um die-se Mitte dreht sich die ganze Milchstrasse - wie wir unsere Galaxie nennen. Die Fixsterne werden aus unserer Sicht zu Gruppen, zu Sternbildern zusammengefügt. Die zwölf Sternbilder, die hinter der Planetenebene angeordnet einen Kreis bilden, spielen in der Astrologie eine Rolle. Die Einflüsse dieser übergeordneten Dimensi-on sind «jenseits des Bewusstseins», in ihnen «ruht die Idee des Menschen». Nach spirituellen Überlieferungen ist unsere Heimat «im Himmel» hier zu suchen und hierhin kehren wir zurück. Es ist der Bereich der «Sonne hinter der Sonne». Die Tierkreiszeichen sind bereits die durch die Sonne heruntertransformierte Manife-station dieses Bereiches. Es ist wesentlich, Sternbilder und Tierkreis voneinander zu unterscheiden.
Bringen wir das in eine übersichtliche Hierarchie der Qualitäten:
Sternbilder > Tierkreis
Sonne
Planetenebene
Erde
Mond
Der Tierkreis, mit den Sternbildern dahinter, ist für uns ein abstrakter Begriff.
Die Sonne ist ein dreidimensionaler Körper.
Die Planetenebene ist eine zweidimensionale Scheibe.
Der Planet Erde ist der Beziehungspunkt.
Der Mond ist ein Trabant, ein Begleiter unseres Planeten.
Das, was in uns aus der Dimension der Sternbilder, aus der Dimension der Milch-strasse durch das Sonnensystem in die Inkarnation auf den Planeten Erde herunter-gestiegen ist, «schläft tief über unserem Kopf» im Überbewussten. Von unserem Bewusstsein, von unten her gesehen, kommen wir nicht an es heran. Darum ist es für uns ein «nichts», was «jenseits des Lichtes» ist.
«Wen wundert es dann, wenn der Geist sich nicht an seine frühere Wohnstatt erinnert, die sein Wohnort und Geburtsort damals war, Er erinnert sich nicht, weil "diese Welt wie Traum" so bedeckt ist wie Sterne von den Wolken. Besonders deshalb, weil er so viele Städte durchquert hat und der Staub noch nicht von seiner Wahrnehmungsfähigkeit gefegt wurde.» Rumi, Mathnavi, IV. 3632-34)
Im Zentrum dieser Welt geschieht im «Schwarzen Loch» das «Entwerden», die Rückkehr zur Einheit.
entspricht dem Bewusst-sein. Nicht zu verwechseln mit Bewusstheit, die zwar als Licht aus der Sonne kommt, aber durch die Schichten, die den Kern umgeben, ge-brochen wird. Die Innere Sonne ist es, was ich mit Wesenskern bezeichne. Aus die-sem Wesenskern wird das Wesen des Kindes aufgebaut, genährt. Die Verbindung der Sonne mit dem jeweiligen Tierkreiszeichen zeigt, durch welches «Tor» der inne-re Weg wieder zur Mitte führt. Dort sind wir mit einem reinen Göttlichen Impuls direkt verbunden, dort zeigt sich auch jener Aspekt des Göttlichen, der uns mitge-geben ist. Die Mitte hat aber nicht genügend Substanz, unsere Sonne kann, so wie der Alltagsmensch geformt ist, sein «Sonnensystem» nicht in Gang halten. Eine äu-ssere Macht wird an seiner Stelle aufgebaut - die Machbarkeit - um die fehlende Macht des Kernes zu ersetzen.
Planetenebene entspricht unserem Wesen. Das energetische Gewebe unseres Wesens korrespon-diert mit der Ebene der Planeten. Es ist die existentielle Resonanz, als Wahrneh-mung und Antwort, auf die sich ständig ändernde, sich neu bildende Zeitqualität des Augenblickes. Die Veränderungen schütteln diesen «Astralstoff»immer wieder in neue Formationen, weil er keine beständige Form besitzt.
Aus ihm kann sich aber der zweite Körper bilden, das heisst, kann eine Kristallisati-on entstehen, die eine innere Stabilität gibt und die Basis von Integrität ist. Darin können sich erst die inneren Organe entwickeln, die notwendig sind, um unsere Wahrnehmungs- und Unterscheidungsfähigkeit, unsere Transformationsmöglichkeit und Spannkraft auszudehnen.
Planet Erde ist die Welt der Verwirklichung. Die Ebene unseres Planeten ist die diesseitige «rea-le» Welt. Das, was machbar ist, das was Konkretes hervorbringt. Es ist unser physi-scher Körper als Instrument der Verwirklichung. Es ist das Schicksal, in welches wir hineingestellt sind. Es ist die Ebene der Inkarnation. Im Horoskop ist der Aszen-dent (=Aufsteigend) mit dem Häusersystem sein Ausdruck.
Die Ebene des Mondes ist «Das Gegebene». Alles, was uns aus der Vergangenheit als Rohmaterial zur Verfügung steht. Es ist unser irdisches Erbe, das Mütterliche überhaupt, all die Mechanismen, die unsere Reaktionen bestimmen. Der Mond in uns ist fixiert, ist starr, auch wenn wir diese Starrheit als «spontan» erleben, weil nicht wir, sondern "es" reagiert, ohne unsere eigene Anstrengung. Die Reaktionen entspringen aus festgelegten Mustern, aus den in der Vergangenheit aufgebauten Strukturen. Sie sind nie kreativ, auch wenn sie in dem einen oder anderen Zusam-menhang sinnvoll erscheinen. Der Mond kann mit den Vorstellungen, die Produkte der Vergangenheit sind, verhindern, dass wir unsere Realität in der Gegenwart er-kennen und auf sie lebendig eingehen.
«Das Negative ist eine Art listiges und träges Element des Charakters. Wenn es die Möglichkeit hat, unsere Aufmerksamkeit von etwas Positivem - und sei es durch eine winzige Bewegung, eine winzige Richtungsänderung - abzulenken, dann wird es das tun. Die Bedrohlichkeit des Negati-ven ist nicht besonders gross; sie kommt mit der Nachlässigkeit, mit der man seinen inneren Span-nungen, seiner Faulheit, seiner Ungeduld und was auch immer, nachgibt und es damit zulässt, dass einen das Negative in eine irrige Richtung leitet. Diese Richtung führt nicht unbedingt in ein Desaster. Es kann eine törichte Richtung sein, und das wird die Ungeduld des Betreffenden ver-mehren, und wenn er dann merkt, dass er einen Augenblick lang ungeduldig war, und aus diesem Grund nun ungeduldig mit sich selbst wird, kommt es zu dem, was man in der Mathematik eine Permutation nennt.» (Omar Ali-Shah, Sufismus für den Alltag, Diederichs gelbe Reihe, S. 76)
Besser könnte man den Mond in uns nicht beschreiben.
© Agnes Hidveghy 2004
